05.06.2026

Hightech trifft Handarbeit

Von Julian Hörndlein

Ein Roboter, ein menschlicher Vordenker und ein Hauch Retro-Gaming: Das sind die Zutaten für einen Ort, an dem die Zukunft der Automatisierung nicht nur gedacht, sondern gebaut wird. Wer hier vorbeischaut, wirft einen Blick in die Produktion von morgen.

Noch ist viel Platz an der Arbeitsstätte von Fabian Sturm. Der promovierte Informatiker sitzt im neu eröffneten Ohm Innovation Center in der Brucknerstraße, genauer gesagt in einem Teilbereich davon: In der Ohm Innovation Factory erforscht er die Möglichkeiten der Fabrik der Zukunft.

Allein ist er bei seiner Arbeit nicht, denn ihm steht ein tatkräftiger Helfer zur Seite. Ein humanoider Roboter der Firma Unitree wartet geduldig auf seinen Einsatz, ein großes rotes „Ohm“ prangt auf seiner Brust. Der Roboter soll künftig eine wichtige Rolle in der Innovation Factory spielen und ganz autonom Aufgaben übernehmen. Was für viele Unternehmen noch nach weit entfernter Zukunft klingt, ist in Nürnberg bereits Realität.

Aus dem Labor in die Praxis

„Wir sind hier die Schnittstelle vom Forschungslabor in die reale Welt“, sagt Sturm, der sein Studium an der Hochschule Darmstadt absolvierte und dort in Zusammenarbeit mit dem Automatisierungsunternehmen Bosch Rexroth promoviert hat. In der Industrie kennt er sich aus, weiß um die großen Herausforderungen vieler Firmen vor allem im ländlichen Raum.

„Dort gibt es oft einzigartiges Domänenwissen“, sagt er mit Blick auf Branchen wie die Glas- und Holzindustrie oder den Spezialmaschinenbau. Das Problem: Qualifizierte Mitarbeitende zu finden, das wird für viele Unternehmen gerade auf dem Land immer schwieriger. Gleichzeitig möchten sich die Unternehmen technologisch weiterentwickeln, um wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Effizienzpoteziale heben

Dann kommt Automatisierung mit ins Spiel: Durch automatisierte Prozesse heben Unternehmen Effizienzpotenziale, können schneller produzieren. Das heißt aber nicht, dass in der Fabrik der Zukunft keine Menschen mehr anzutreffen sein werden.

„Vollständige Automatisierung rechnet sich wirtschaftlich meist nicht“, erklärt Sturm. Die Ohm Innovation Factory zeigt daher, wie Mensch und Automatisierung Hand in Hand gehen – und das im wörtlichen Sinne. Das Herzstück der kleinen Nürnberger Fabrik ist ein sogenannter Handarbeitsplatz, an dem ein Beispielprodukt gefertigt wird. Konkret handelt es sich um einen Bausatz, der dem Game Boy ähnelt.

Die klassische Spielekonsole eignet sich gut, um die neuen Konzepte in der modernen Fabrik zu demonstrieren. In mehreren Boxen befinden sich verschiedene Bauteile vom Gehäuse über die Schrauben bis hin zum Akku. Am Handarbeitsplatz werden die Teile zusammengesteckt und -geschraubt – ein kognitiv anspruchsvoller Prozess. Werkerinnen und Werker müssen jedes Bauteil richtig montieren, beispielsweise die Schrauben richtig anziehen.

Augmented-Reality-Brille hilft bei der Fehlersuche

Im Trubel der Produktion können Fehler passieren. Das möchte man in der Ohm Innovation Factory vermeiden, Sturm beweist, wie es geht: Er setzt sich eine Augmented-Reality-Brille auf, durch die das reale Bild am Arbeitsplatz mit allerhand nützlichen Informationen wie der Montageanleitung angereichert ist.

Sollte dennoch ein Fehler passieren, ist eine Kamera zur Stelle, die das vorhandene Produkt mit einer einwandfreien Vorlage abgleicht und den Werker oder die Werkerin auf Abweichungen hinweist. Damit steigt die Zuverlässigkeit in der Produktion, das System erleichtert aber auch den Zugang in die Produktionslinie.

„Neue Mitarbeitende brauchen meist mehr Unterstützung“, erklärt Sturm. Über die AR-Brille ist es möglich, auch aus der Ferne Anweisungen zu geben, zum Beispiel dann, wenn ein Montageteam auf einem anderen Kontinent im Einsatz ist.

Der gesamte Produktionsprozess im Blick

Die Ohm Innovation Factory bildet den gesamten Produktionsprozess ab: Los geht es mit dem Wareneingang über eine CNC-Fräsmaschine und die Montage am Handarbeitsplatz bis hin zur Qualitätsprüfung und der Verpackung. Abgebildet wird der Prozess außerdem in einem Digitalen Zwilling, mit dem die Fertigung überwacht wird.

„In der Ohm Innovation Factory sind wir sehr anwendungsorientiert und flexibel“, betont Sturm. Das kommt bei den Partnern aus den Unternehmen gut an: „Die Nachfrage ist sehr groß.” Regelmäßig begrüßt Sturm Gäste, lädt die Firmen dazu ein, innovative Ideen direkt in der Modellfabrik in Nürnberg zu testen.

Humanoider Roboter arbeitet selbstständig

Derzeit befindet sich die Ohm Innovation Factory noch im Aufbau. Künftig sollen neben dem Handarbeitsplatz weitere Prozessschritte in den Fokus rücken. Künstliche Intelligenz spielt dabei eine große Rolle. Und auch der humanoide Roboter lernt immer besser, sich in der kleinen Fabrik zurechtzufinden. Während er jetzt noch manuell gesteuert wird, soll er in Zukunft mit einer Seilkonstruktion unter der Decke der Fabrik hängen, sich nach Aufforderung selbstständig abseilen und seine Aufgaben in der Fabrik wahrnehmen.

Wer also künftig einmal an der Ohm Innovation Factory vorbei geht und einen Roboter ganz allein bei der Arbeit sieht: Nicht wundern, hier wird an der Zukunft der Produktion gewerkelt.
www.th-nuernberg.de/ohm-inno-factory
 

Zurück
Anfahrt