Projektbeschreibung 

Rurale Wohnungslosigkeit: Ursachen, Formen und Deutungen

Wohnungslosigkeit wurde bisher in erster Linie als ein städtisches Phänomen betrachtet. Ländliche Räume als Räume, in denen Wohnungslosigkeit ebenfalls entsteht, erlebt und überwunden wird, sind bis heute kaum im Blickfeld der Forschung gewesen. 
Verschiedene sozialwissenschaftliche Forschungen konnten rekonstruieren, dass lange Zeit Wohnungslosigkeit in ländlichen Gebieten negiert oder ignoriert wurde. Inzwischen wird Wohnungslosigkeit in ländlichen Räumen zunehmend als ein reales und wachsendes soziales Problem angesehen, das spezifische, lokal angepasste und angemessen finanzierte politische Maßnahmen erfordert. Oft fehlen vor Ort geeignete sozialarbeiterische Unterstützungsangebote. Zudem sind Scham und Stigmatisierung der von Wohnungslosigkeit betroffenen Menschen ein erhebliches Hindernis für die Inanspruchnahme von Unterstützung, so dass mitunter immer noch von einer Unsichtbarkeit der Wohnungslosigkeit in ländlichen Gebieten gesprochen werden kann. Ein sozialer Tatbestand (Durkheim 1995), der wiederum zu einem Rückgang der Unterstützungsangebote führt und die Notlage von wohnungslosen Menschen verschärft (Tunåker et al. 2023). Das Forschungsvorhaben setzt an dieser Stelle an, um zu erforschen, wie sog. rurale Wohnungslosigkeit entsteht (Ursachen), welche Morphologie und Verläufe sie annehmen kann (Formen), wie sie von den betroffenen Menschen, aber auch von der ländlichen Bevölkerung interpretiert werden kann (Deutungen) und welche Formen der Hilfe möglich sind (Unterstützung). Mit dem Vorhaben wird explorative Pionierarbeit geleistet, da detailliertes und methodisch fundiertes Wissen über Wohnungslosigkeit in ländlichen Räumen bisher fehlt.


Projektlaufzeit: 01.12.2025 – 31.12.2027

Projektverantwortliche: 

Prof. Dr. Frank Sowa
Luca Reinold (M.A.)
Paula Wittmann (M.A.)

Ziel ist die Rekonstruktion gesellschaftlicher Vorstellungen von Wohnungslosigkeit in ruralen Räumen sowie die Bestimmung der Wissensbestände von Menschen mit thematischen Erfahrungswissen. Es soll einerseits erfasst werden, welche Deutungsmuster über Wohnungslosigkeit und über die davon betroffenen Personengruppen von der ländlichen Bevölkerung aufgerufen, verstärkt oder zurückgewiesen werden. Hierzu werden Gruppendiskussionen mit der Bevölkerung ruraler Räume geführt, die an Alltagserfahrungen und lokale Diskurse anknüpfen, in denen Fragen sozialer Verantwortung, gegenseitiger Hilfe oder Abgrenzung verhandelt werden und damit die Rekonstruktion „kollektive Gehalte“ der Diskutant*innen ermöglichen. Darüber hinaus soll andererseits die Perspektive von Erfahrungsexpert*innen erfasst werden. Zu diesem Zweck werden narrativ-biografische Interviews mit aktuell und ehemals wohnungslosen Menschen geführt, die in ländlichen Räumen leben oder gelebt haben. Im Zentrum dieser Interviews stehen die biografischen Verläufe in und aus Wohnungslosigkeit sowie subjektive Deutungen der eigenen Situation, ihrer Ursachen und Bewältigungsstrategien. Die narrativ-biografische Anlage ermöglicht es, Wohnungslosigkeit nicht nur als punktuelles Ereignis, sondern als prozesshaftes Geschehen im Lebensverlauf zu rekonstruieren und dabei auch Übergänge, Brüche, Ressourcen und Unterstützungsbeziehungen sichtbar zu machen.

Das Modellprojekt wird aus Mitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales im Rahmen des Aktionsplans „Hilfe bei Obdachlosigkeit“ gefördert.

Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales (StMAS) / Regierung von Mittelfranken 

Name Kontakt
Luca Reinold Luca Reinold
M.A.
Frank Sowa Frank Sowa
Prof. Dr. phil.
Paula Wittmann Paula Wittmann
M.A.