05.01.2022

Wenn nächtliche Müdigkeit zum Problem wird

Promotion zu neuen Beratungsansätzen bei Schlafproblematiken von Schichtarbeitenden

Rund ein Viertel der Menschen in Deutschland hat Probleme beim Ein- und Durchschlafen. Bei Schichtarbeitenden liegt diese Zahl noch weit höher: Der menschliche Biorhythmus steht hier den Anforderungen der Arbeitszeiten diametral gegenüber. Entsprechend häufig sind Schlafstörungen in dieser Bevölkerungsgruppe. Die Promotion von Lukas Retzer will Betroffenen durch die Entwicklung eines neuen, onlinegestützten Konzepts Linderung verschaffen.

Von Karolina Albrecht
Aus OHM-Journal 2021/2 (PDF-Version)

Hinweis: Das Institut für E-Beratung bietet ab sofort offen die kostenlose Schlafberatung Online für Beschäftigte im Schichtdienst an.

Es mag überraschen, dass wirksame Hilfsangebote bei Schlafstörungen von Schichtarbeitenden noch weitgehend unerforscht sind. Doch zu Beginn der Studie, die Lukas Retzer von der Fakultät Sozialwissenschaften für seine Promotion durchführt, gab es nur wenige Arbeiten und von diesen thematisierten die meisten die Wirksamkeit von Medikamenten bei Schichtarbeit oder Jetlag. Das Manko der Studien: Sie alle nehmen implizit an, dass die Umstände so sind wie sie sind. Die finnische Forschungsgruppe um Heli Järnefelt hat erstmals Prinzipien aus der Behandlung von Schlafstörungen angewandt und Elemente der Kognitiven Verhaltenstherapie (KVT-I) bei Insomnie systematisch auf Schichtarbeitende übertragen.

Die KVT-I ist eine Sonderform der Psychotherapie bei Schlafstörungen, die bislang vor allem in Einzel- oder Gruppengesprächen in einem therapeutischen Umfeld durchgeführt wird. „Das Problem bei dieser Übertragung ist, dass sich viel von dem, was wir in der KVT-I klassischerweise machen, mit dem beißt, was Schichtarbeitende als Alltag haben: regelmäßige Zubettgehzeiten, ein fester Rhythmus“, erläutert Retzer. „Hinzu kommt, dass viele Schichtarbeitenden die Notwendigkeit nicht sehen oder sehen wollen. Geht es zurück in die Tagschicht, entfällt ja auch das Problem wieder.“

Hier setzt das Konzept der KVT-I-Plattform an, die Retzer gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen der Kompetenzgruppe „Schlafberatung Online“ entwickelt hat. Sie bietet nun in Zusammenarbeit mit externen Partnern wie der Robert Bosch GmbH, dem Klinikum Nürnberg und der Caritas Eichstätt Schichtarbeitenden eine Anlaufstelle. Diese Kooperation ist gleichzeitig auch eine methodische Stärke der Studie, indem über die Partner Bedarf und Zugang der Teilnehmenden sichergestellt werden – über die betriebliche Sozialberatung, die Betriebsärztinnen und -ärzte oder über das betriebliche Gesundheitsmanagement. Durch einen Zugangscode, den Ratsuchende nach einem Vorgespräch erhalten, bleiben sie für die Beraterinnen und Berater zudem anonym. „So eine anonyme Beratung hat natürlich Vorteile: weil man vielleicht befürchtet, dass persönliche Daten an den Arbeitgeber gelangen könnten oder man nicht möchte, dass jemand vom eigenen Gesundheitszustand erfährt“, erläutert Retzer.

Der Psychologe arbeitet im Team von Prof. Dr. Kneginja Richter, Fakultät Soziaalwissenschaften und Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Paracelcus Medizinischen Privatuniversität (PMU) Nürnberg. Gleichzeitig ist er am Institut für E-Beratung der TH Nürnberg tätig und schreibt derzeit in einer kooperativen Promotion bei Prof. Dr. Elmar Gräßel an der Universitätsklinik der FAU Erlangen-Nürnberg an seiner Doktorarbeit.

Das Projekt ist ebenfalls am Institut für E-Beratung angesiedelt. Für die Plattform zur Onlineschlafberatung bieten sich Schichtarbeitende bestens an. Sie sind erstens aktuell unterversorgt, zweitens aufgrund der Arbeitszeiten schwierig zu erreichen und über ganz Deutschland verteilt, sodass regelmäßige Anfahrten zu einem spezialisierten Zentrum praktisch unmöglich sind.

Um genügend Teilnehmende zu gewinnen, wurden Flyer und Plakate gedruckt und in den Abteilungen der Projektpartner geworben. Der große Ansturm blieb jedoch zunächst aus, die Skepsis war groß, wie eine Beratung den einzelnen Betroffenen helfen könnte. „Das ist nachvollziehbar, natürlich müsste zuerst an den Arbeitsbedingungen angesetzt werden, soweit möglich. Aber den einen oder anderen guten Tipp könnte ich sogar den verhärtetsten Industriearbeitern noch an die Hand geben“, ist Retzer überzeugt.

Für die Studie werden die Teilnehmenden in drei Gruppen eingeteilt: eine Face-to-Face-Gruppe in Einzelberatungen, eine Onlinegruppe und eine Warteliste. Der Ablauf ist inhaltlich in allen Gruppen gleich. Sie unterscheiden sich lediglich in Art und Zeitspanne, in der die Beratung abläuft.

Die Onlinegruppe loggt sich auf einer Plattform ein, die zwei grundlegende Funktionalitäten aufweist: zum einen eine Nachrichtenfunktion zwischen Ratsuchenden und Beratenden. In diesem Nachrichtenaustausch findet die eigentliche inhaltliche Beratung statt. Was in der Face-to-Face-Gruppe in sechs Sitzungen passiert, wird hier aufgeteilt in vier Pakete, in denen das Problem des Ratsuchenden analysiert wird und die Beratenden ihnen dann Ratschläge an die Hand geben können. Asynchron, sodass zu jeder Tages- und Nachtzeit geschrieben und gelesen werden kann. Die Mailkontakte erfolgen in einem Abstand von mindestens einer Woche. Insgesamt dauert ein Durchlauf etwa acht bis zehn Wochen. Manchmal reicht dieser Zeitraum aber nicht aus, dann besteht die Möglichkeit, die Beratung um einige Wochen zu verlängern. „Es war uns wichtig, die Menschen an einen Punkt zu bringen, an dem sie selbstständig weiterarbeiten können, und dass professionell geschulte Menschen die Beratung ausführen und für sie ansprechbar sind. Künstliche Intelligenz haben wir beispielsweise von Anfang an ausgeschlossen“, schildert Retzer.

Die zweite Funktion der Plattform ist der Bereich „Schlaftagebücher und Befragungen“ – alles, was an Daten erhoben wird, die für Anamnese und Behandlung von Bedeutung sind. Einmal pro Woche wird dort ein Schlaftagebuch freigeschalten, die Ratsuchenden können dann im Verlauf der Woche ihre Schlafdaten angeben. Beispielsweise wann sie ins Bett gegangen sind, wie lange sie gebraucht haben, um einzuschlafen, wann sie aufgestanden sind und in welcher Schicht sie aktuell arbeiten. Fragen zu Symptomen von Depression oder Tagesschläfrigkeit, zu Stimmungen und zusätzlichen Faktoren können in weiteren Fragebögen beantwortet werden. „Diese Angaben habe ich dann für jede Nacht von einer ganzen Woche, kann daraus Durchschnittswerte bilden und vergleichen“, erklärt Retzer. „Und zusammen mit den Fragebögen zum Befinden kann ich nachverfolgen, wie es meinem Ratsuchenden gerade geht, wie die Stimmung ist und inwieweit die Beratung hilft.“

Während die Onlinegruppe direkt Zugriff auf alle Inhalte erhält, beginnt die Beratung der Wartegruppe erst vier Wochen später, wobei Schlaftagebücher und Fragebögen von Beginn an geführt werden. Die Daten, die in dieser Wartezeit entstehen, werden mit den Daten der Beratungsgruppe und der Face-to-Face-Beratung verglichen.

Wenn alle Bausteine abgearbeitet sind, füllen die Teilnehmenden noch einmal die Anamnesefragebögen aus, um zu untersuchen, ob sich Verbesserungen ergeben haben. Stellen die Beratungsteams fest, dass sich die Situation signifikant verbessert hat, dass die Ratsuchenden Wege gefunden haben, die sie in den nächsten Monaten selbstständig weiter anwenden können, ist ihre Arbeit beendet.

Aktuell wird Lukas Retzer in der Beratung durch eine weitere Kollegin unterstützt, drei weitere Kolleginnen werden für die Online-Beratung geschult. Im September startete zudem ein Weiterbildungslehrgang für interessierte Fachpersonen.

Die kostenlose Beratung, deren Ergebnisse in die Studie einfließen, läuft noch bis Mai 2022. So lange wird das Projekt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Aber auch danach sollen möglichst viele Menschen von der Plattform und den Erkenntnissen der Studie profitieren können. Wie es mit der Beratung konkret weitergeht, daran arbeitet das Team noch. Im Gespräch sind die Fortführung der Plattform in Zusammenarbeit mit einer Krankenkasse, Lehrgänge für Fachpersonal im betrieblichen Gesundheitsmanagement oder ein Angebot auf Honorarbasis. Lukas Retzer, der 2023 seine Promotion beenden will, möchte dem Thema in jedem Fall treu bleiben.

 

An dem Projekt arbeiten innerhalb der TH Nürnberg mit:
Lukas Retzer
Monika Feil
Prof. Dr. Richard Reindl
Prof. Dr. Kneginja Richter
Prof. Dr. Robert Lehmann
Fakultät Sozialwissenschaften

Externe Partner:
Prof. Dr. Mark Stemmler
Prof. Dr. Elmar Gräßel
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Robert Bosch GmbH
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Paracelsus Medizinischen
Privatuniversität in Nürnberg
Caritasverband für die Diözese Eichstätt e.V

 

 

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