Routenwahlverhalten von Fußgängern

BURGSTALLER,I.; KIPKE,H; TAUSCH,G; BOTZKI,J et al.: Routenwahlverhalten von Fußgängern – Untersuchung zum physiologisch und soziologisch motivierten Verhalten von Fußgängern bei Routenwahlentscheidungen

Obwohl der Mensch entwicklungsgeschichtlich seit 2 Millionen Jahren fast ausschließlich zu Fuß unterwegs ist, ist diese Fortbewegungsart nur selten ein Thema der verkehrswissenschaftlichen Forschung. Wichtige Ansätze zur Erforschung des Fußgängerverkehrs finden sich deshalb (mit Ausnahme militärisch motivierter Fragestellungen) interessanterweise nicht in den Verkehrs- und Ingenieurwissenschaften sondern u.a. im interdisziplinären Bereich zwischen Soziologie und Architektur. Der britische Wissenschaftler BILL HILLIER entwickelte zusammen mit JULIENNE HANSON bereits 1986 mit Hilfe der Graphentheorie ein Hilfsmittel zur Beschreibung der abstrakten morphologischen Wirkung von Räumen in einer Stadt. Der grundlegende Gedanke ist, dass Raumzusammenhänge graphisch und mathematisch bewertet werden können. Städtische Raumzusammenhänge können jedoch nur zu Fuß vollständig erfahren werden und beeinflussen offensichtlich auch die Fußgänger-Attraktivität von Räumen in der Stadt. Ein anderer physikalischer Ansatz zur Beschreibung des Fußgängerverhaltens geht auf den Physiker DIRK HELBIG zurück, dem es gelang das kurzfristig reaktive Fußgängerverhalten im Nahbereich abzubilden. Sein unter dem Namen „Social Force“ bekanntes Modell hat jedoch nicht das Ziel eher gröbere, makroskopische Routenwahl-Entscheidungssituationen zu simulieren. Die Abbildung des makroskopischen Routenwahlverhaltens von Fußgängern und Radfahrern ist mit Ausnahme des nur ungewichteten Ansatzes von HILLIER nach wie vor unbefriedigend. In die die Entscheidungen von Fußgängern wirken eine Vielzahl von Einflussgrößen deren Wirkungen und Wechselwirkungen bislang noch nicht ausreichend erforscht sind. Das über die TH Nürnberg finanzierte und gemeinsame Vorlaufforschungsprojekt der Fakultäten Architektur(Prof. Ingrid Burgstaller und Prof Dr. Gunar Tausch) und Bauingenieurwesen(Prof. Dr. Harald Kipke) hat hierzu einen Überblick des derzeitigen Forschungsstand der Fußgängerforschung sowie bereits erste Ergebnisse hinsichtlich der Vergleichbarkeit der Ergebnisse aus Space Syntax-Forschung und der makroskopischen Routenwahl geliefert, welche der folgenden Veröffentlichung im Eigenverlag entnommen werden können: Routenwahlverhalten von Fußgängern können Sie hier herunterladen.

Paradigmenwechsel

KIPKE, H.: Paradigmenwechsel - Von der autogerechten Stadt zur menschengerechten Stadt

Am 29.11.2016 lud der Verkehrsclub Deutschland (VCD) zu einer Vortragsveranstaltung zur Thematik des kreuzungsfreien Ausbaus des Frankenschnellweg in die Villa Leon am alten Schlachthof ein. Schwerpunkt der Veranstaltung war die Betrachtung der derzeitigen Ausbaupläne in einem städtebaulichen und stadtplanerischen Kontext.

Prof. Dr. Harald Kipke zeigt in seinem Impulsvortrag „Von der autogerechten zur menschengerechten Stadt“ auf, wie sehr die derzeitigen Pläne für den kreuzungsfreien Frankenschnellweg noch vom Paradigma der autogerechten Stadt geprägt sind. Kennzeichnend hierfür ist die geringe Wertschätzung des Bunten, des Städtischen. Der Verzicht auf die Ausschöpfung städtebaulicher Möglichkeiten ist somit eine Art der Unterwerfung gegenüber dem Paradigma der Geschwindigkeit und gleichzeitig eine Opfergabe, um den „bösen“ Autoverkehr von der guten Stube fernzuhalten. Es ist deshalb höchste Zeit, autogerechter technokratischer Planung kraftvolle und positive Stadt-Akzente entgegenzusetzen.

 

Im Anschluss zeigt Frau Prof. Burgstaller (TH Nürnberg, Fakultät Architektur) an einigen Beispielen aus dem Inn- und Ausland, das es durchaus möglich ist, auch hochbelastete Hauptverkehrsstraßen in ein urbanes Umfeld zu integrieren. Es sind die großen Boulevards mit breiten Gehwegen, hohen Gebäuden und vielfältigen Erdgeschossnutzungen, die eine Symbiose von viel Autoverkehr mit viel Fußgängerverkehr ermöglichen. Die Flächen direkt an der Bahn zählen in allen Städten der Welt zu den hochwertigsten und teuersten Flächen einer Stadt. Der Ausbaubereich des Frankenschnellwegs befindet sich nicht mal einen Kilometer vom Plärrer entfernt und ist hervorragend an die öffentlichen Verkehrssysteme angebunden und bietet daher alle Chancen zur Realisierung von städtischen Wohnen und Arbeiten.

Abschließend bot sich für die Studierenden des Masterstudiengangs Architektur (TH Nürnberg) die Möglichkeit, der Zwischenpräsentation ihrer Konzepte und Entwürfe für eine stärkere Einbindung dieses Verkehrsprojektes in ein urbanes Umfeld. Hierbei zeigten sich bereits einige vielversprechende Ansätze. Eine Endpräsentation ist für Ende Januar 2017 vorgesehen.

Die Integration hochbelasteter Straßen im urbanen Umfeld ist zudem Bestandteil eines selbst initiierten Eigenforschungsprojekts von Prof. Burgstaller und Prof. Dr. Kipke.

Das Manuskript seines Vortrags kann hier heruntergeladen werden.

Makroskopische Analyse der Auswirkungen von Verkehrsangebots- und Siedlungsstruktur

KIPKE, H.; SCHWENTECK, P.: Makroskopische Analyse der Auswirkungen von Verkehrsangebots- und Siedlungsstruktur auf ausgewählte ökonomische und ökologische Indikatoren

Seit 10 Jahren steigt der Ölpreis kontinuierlich an und erreichte im Jahr 2011 seinen bisherigen Höchststand von ca. 107 US$/Barrel. Vor dem Hintergrund der immer noch starken Abhängigkeit der Auto-Mobilität vom Öl, tritt zwischenzeitlich immer häufiger die Frage auf, ob die Fortführung unseres derzeitigen energieintensiven Verkehrsverhaltens zukunftsfähig ist. Ein erheblicher Anteil dieses Mobilitätsverhaltens ist nachweislich unserer Siedlungsstruktur geschuldet. Nur das Automobil in Verbindung mit billigem Öl ermöglichten die Siedlungsstruktur vor allem im Umland der großen Städte, welche persönliche Reiseweiten nach sich zieht, die zu Fuß nicht mehr und mit öffentlichen Verkehrssystemen nur unwirtschaftlich oder unattraktiv bewältigt werden können. Eine Rückbesinnung zur dichten Stadt des 19. Jahrhunderts setzt ein, wenngleich unter veränderten Randbedingungen.

Es gibt jedoch auch grundsätzlich andere Sichtweisen. In den Vereinigten Staaten, in denen in der ersten Dekade des 21 Jahrhunderts die ersten Maßnahmen zur Rückkehr der Straßenbahn in die Städte ergriffen wurden, gibt es auch in der Verkehrswissenschaft vehemente Gegner der mit öffentlichen Verkehrsmitteln verbundenen Re-Urbanisierung [1]. Sie attestieren der mit dem Automobil geschaffenen Suburbanisierung gewaltige Wohlstandseffekte, die nun mit der Rückkehr zur dichten ÖPNV-Stadt vernichtet werden. Investitionen vor allem in den schienengebundenen Verkehr seien eine immense Vernichtung von öffentlichem Geld ohne Nutzen. Zur Begründung wird ausgeführt, dass dünn besiedelte „automobile“ Siedlungsstrukturen - wie in Nordamerika - zu einer gegenüber dichten ÖPNV-affinen Siedlungsstrukturen - wie in Europa oder Asien – zu geringeren Reisegeschwindigkeiten im motorisierten Individualverkehr führten, wie ein empirischer Vergleich von nord-amerikanischen mit europäischen Städten zeige [2]. Wenngleich derartige Schlussfolgerungen auch ernsthaft in Zweifel gezogen werden können [3], so bieten sie doch Anlass genug, die ökonomischen und ökologischen Zusammenhänge von Siedlungsdichte und -verteilung und Verkehrssystemen genauer zu untersuchen.

Die in [2] aufgeführte Hypothese der ökonomischen Mobilitäts-Vorteile disperser Siedlungsstrukturen wird ausschließlich empirisch begründet. Ohne die zum Teil fragwürdigen Annahmen und Schlussfolgerungen für die Richtigkeit dieser umstrittenen Hypothese in Frage zu stellen, bietet diese fachliche Provokation einen guten Anlass die sicherlich auch auf praktischen Erfahrungen basierende Hypothese, ein höherer ÖPNV-Anteil führt in einem verkehrlichen Gesamtsystem zu längeren Fahrtzeiten und damit zu Wohlstandverlusten, wissenschaftlich genauer d.h. mit deduktiven Ansätzen zu untersuchen.

[1]  COX, W.: California Declares War On Suburbia in: www.colabsbc.org/manager/Upload/Newsletter/52012news.pdf

[2] ZIV, J.-C.;COX, W.: Megacities And Affluence – Transport & Land Use Considerations, World Conference On Transport Research , Berkeley June 2007

[3] placemakinginstitute.wordpress.com/2010/01/04/wendell-cox-intellectual-terrorist/

Den vollständigen Artikel finden Sie hier.